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Die Promotion als Mittel zur Persönlichkeitsentwicklung

Nach der Dissertation wirst du nicht der gleiche Mensch sein wie zuvor. Ein Gastbeitrag von Marlies Klamt.

„Vor der Diss war ich ein ganz normaler Mensch.“

steht auf der Vorderseite meiner Visitenkarten. Damit will ich ausdrücken, dass einen die Lasten, die mit einer Dissertation einhergehen, schon mal bis an den Rand des Wahnsinns treiben können.

Was aber auch in diesem Spruch steckt, ist die Botschaft: Nach der Dissertation wirst du nicht mehr dieselbe sein wie zuvor. Und das wiederum, muss nicht unbedingt etwas Schlechtes sein. Im Gegenteil.

In weiten Teilen bestreitest du deine Promotion im Alleingang – vor allem bei Individualpromotionen, aber auch bei kumulativen Promotionen oder Doktorarbeiten, die an einem Graduiertenkolleg entstehen. Deshalb müssen die vielfältigen Herausforderungen, die während der Promotion entstehen, selbständig gelöst werden.

Auch wenn unklar ist, wann es soweit sein wird und in Bezug auf welchen Baustein der Dissertation, so wage ich doch aus eigener Erfahrung sowie durch zahlreiche Gespräche mit Promovendinnen zu prognostizieren: Die erste Krise kommt bestimmt.

Die gute Nachricht

Für jedes Problem gibt es eine Lösung bzw. viele, aus denen du auswählen kannst. Und mit jeder überwundenen Hürde bist du nicht nur dem Ziel des Doktortitels ein Stück nähergekommen, sondern hast auch die eigenen Fähigkeiten ausgebaut und Persönlichkeitseigenschaften entwickelt oder gestärkt, die dir in der Zukunft helfen werden. Die eigene Schatztruhe an Bewältigungsstrategien füllt sich so über den Zeitraum der Dissertation. Jede aus eigener Kraft gemeisterte Krise schafft eine neue Perle in der Truhe deiner Fähigkeiten und Eigenschaften.

Die Promotion lädt dich regelmäßig ein, dich aus deiner Komfortzone zu bewegen und bietet vielfältige Möglichkeiten für inneres Wachstum.

Ich möchte dir einige Herausforderungen vorstellen, die während der Promotionszeit auftreten können – und diese mit den Möglichkeiten paaren, die sich daraus ergeben.

Wachstumsmöglichkeit 1: Quellen für Anerkennung und Bestätigung finden

Die Herausforderung

Jahrelang forschst du am eigenen Schreibtisch vor dich hin, bevor die Doktorarbeit das Licht der Welt erblickt – vor allem bei monografischen Individualpromotionen. Die fehlende Anerkennung und Bestätigung von außen sind ein fruchtbarer Nährboden für die Zweifel, ob das, was du da machst, überhaupt gut ist und den Ansprüchen an eine Dissertation genügt.

Das Learning

Diese Herausforderung bietet zwei unterschiedliche Möglichkeiten zur Weiterentwicklung.

Auf der einen Seite kannst du aktiv Feedback einfordern – bei der Betreuer*in oder indem du dich anderweitig sichtbar machst, z.B. indem du Vorträge in Kolloquien und auf Tagungen hältst oder Artikel veröffentlichst.

Auf der anderen Seite kannst du aber auch versuchen, deine Selbsteinschätzung zu verbessern, indem du dich weniger abhängig von den Urteilen anderer machst. Das fördert deine Eigenständigkeit als Wissenschaftlerin. Diese wird umso wichtiger, je weiter du die universitäre Karriereleiter hinaufsteigst: Professor*innen sind weisungsfrei und müssen sich auf ihr eigenes Urteil verlassen können. Die Promotion bietet demnach die Möglichkeit, ein Selbstverständnis als eigenständige Wissenschaftler*in zu entwickeln und zu lernen, Position zu beziehen und diese gegenüber anderen zu rechtfertigen – eine gute Übung für die Verteidigung deiner Dissertation.

Wachstumsmöglichkeit 2: Von der Überforderung zur Selbstfürsorge

Die Herausforderung

Ein weiterer Klassiker der Promotionsprobleme: die übervolle To Do-Liste und die damit einhergehende Überforderung, womit du anfangen bzw. weitermachen sollst. Dazu kommt oft der Job an der Uni, der Zeit und Energie verlangt und das schlechte Gewissen, das dich dauerhaft begleitet und dafür sorgt, auch dann nicht abschalten zu können, wenn du dir einmal einen Tag freigeschaufelt hast.

Das Learning

Auch diese Herausforderungen bieten wunderbare Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln, wenn du bereit bist, für dich und deine Bedürfnisse Sorge zu tragen. Das schaffst du, indem du lernst, dich abzugrenzen, Prioritäten zu setzen und dein Promotionsprojekt genauso ernst zunehmen wie die Arbeit, die du für andere leistest.

Wachstumsmöglichkeit 3: Selbstbehauptung und bedarfsgerechte Kommunikation

Die Herausforderung

Eine Herausforderung, vor die sich zwar zum Glück nicht alle, aber doch viele Promovendinnen gestellt sehen, sind Konflikte mit dem/der Betreuer*in. Der Anlass hierfür kann vielfältig sein und von einer ausstehenden Rückmeldung reichen bis hin zur Kritik an der bereits geleisteten Arbeit.

Das Learning

Diese Promotionsherausforderung bietet Learnings, die für jeden Lebensbereich nützlich sind. Du kannst einerseits lernen, dich zu behaupten und für deine Bedürfnisse einzustehen und andererseits, deine Ziele und Wünsche so zu kommunizieren, dass du diese auch tatsächlich erreichst. Die benötigte Art der Kommunikation kann dabei je nach Gegenüber sehr unterschiedlich sein und nicht unbedingt der Art entsprechen, die du normalerweise für eine Kommunikation bevorzugst.

Wachstumsmöglichkeit 4: Vertrauen ob der Zukunft entwickeln

Die Herausforderung:

Nicht selten ist die Promotion eine Zeit, in der Zukunftsängste auftreten. Auch wenn es anstrengend ist, eine Doktorarbeit zu schreiben, so bist du dennoch noch im geschützten Raum der Universität. Eventuell bist du direkt nach der Masterarbeit dortgeblieben. Unter Umständen war es sogar die Angst vor dem „echten Leben“ (= dem Leben außerhalb der Universität), die zum Studienende die Promotion als attraktive Alternative zum Berufseinstieg erscheinen hat lassen. Je mehr sich die Dissertation ihrem Ende nähert, umso dringlicher werden nun die Fragen nach der Zukunft, die du dir stellst:

  • Schaffe ich es, Professorin zu werden? In einem Feld unterzukommen, wo es doch so viele mehr Bewerberinnen gibt als Stellen?
  • Kann ich mir auch eine andere Arbeit in der Wissenschaft oder an der Universität vorstellen?
  • Habe ich vielleicht gemerkt, dass ich gar nicht an der Universität bleiben will, weil das System nicht zu mir, meiner Persönlichkeit und meinen Werten passt?
  • Habe ich keine Ahnung, was ich stattdessen machen soll und Angst, aufgrund fehlender außeruniversitärer Berufserfahrung keinen Job zu finden?

Das Learning: Selbstvertrauen & Resilienz

Wie ich in diesem Artikel zeige, ist der Weg zum Doktortitel nicht nur mit Herausforderungen gepflastert, sondern bietet als Belohnung auch ein Stück gestärktes Selbstvertrauen für jede gemeisterte Krise. Das hilft, dein Selbstvertrauen zu stärken und deine Resilienz, also deine psychische und seelische Widerstandskraft, auf- und auszubauen. Ein starkes Selbstvertrauen wiederum lässt die Angst in Bezug auf die Zukunft schrumpfen. Eine gute Resilienz erhöht den Glauben in die deine Fähigkeit, mit dem Ungewissem umgehen zu können: Komme, was wolle, die Promotion hat dich gelehrt, dass du Krisen nicht hilflos ausgeliefert bist, sondern sie aus eigener Kraft bewältigen kannst.

Die Formel für Wachstum

Mit Wachstum kommen Probleme bei der PromotionProbleme, Probleme, Probleme… Neben den genannten Herausforderungen wirft eine Promotion noch viele weitere auf: Der gewählte Ansatz bringt nicht die gewünschten Ergebnisse; jemand veröffentlicht einen Artikel, der die eigene Arbeit in Frage stellt; die Doktormutter findet just den Teil der Forschung überflüssig, auf den man besonders stolz ist…

Jedes kritische Ereignis ist eine Möglichkeit, die eigenen Werte besser kennenzulernen. Das wiederum kann dir helfen, die Lösung zu finden, die für dich am stimmigsten ist.

Der Wissenszuwachs, der naturgemäß mit einer Doktorarbeit einhergeht, lässt sich unter Umständen auf dein persönliches Leben übertragen.

Die Kritik, die deiner Arbeit entgegengebracht wird, bietet die Chance, dich im Umgang mit der Beurteilung durch andere zu üben.

Jede Herausforderung bietet dir also die Möglichkeit für Wachstum. Auf eine kurze Formel gebracht können wir sagen:

Probleme + die Erfahrung, diese lösen zu können = Resilienz & Selbstvertrauen

Promovieren, um die Persönlichkeit zu entwickeln?

Bevor ich zu sehr ins Schwärmen gerate über die vielfältigen Möglichkeiten der Persönlichkeitsentwicklung, die eine Dissertation bietet: nur aus diesem Grund, würde ich eine Promotion niemandem ans Herz legen.

Eine Doktorarbeit zu schreiben, ist ein wenig wie eine jahrelange Geburt durchzustehen (nur dass dein Baby Dissertation nach der Geburt keine weitere Hilfe mehr benötigt). Wer nicht mit den richtigen Motiven – Interesse am Thema und am wissenschaftlichen Arbeiten – bei der Sache ist, wird entweder vorzeitig das Handtuch werfen oder aber wenig Spaß an der Promotion haben.

Promoviere also bitte auf keinen Fall nur, um deine Persönlichkeit zu entwickeln. Dazu hält das Leben genügend andere Chancen parat.

Wenn du aber schon mittendrin steckst oder sowieso vorhattest, zu promovieren, dann möchte ich dich einladen, die Herausforderungen, die die Promotion aufwirft, in einem neuen Licht zu sehen. Und dir regelmäßig in Erinnerung zu rufen, dass gerade die schwierigen Zeiten, diejenigen sein können, in denen du am meisten lernen und an denen du am meisten wachsen kannst – wenn du bereit bist, an dir zu arbeiten.

In diesem Sinne: Nutze deine Promotionszeit, um deine ganz eigene Schatztruhe mit neuen Perlen deiner Persönlichkeit zu bestücken. Und bereits vorhandene auf Hochglanz zu bringen.

Über die Autorin Dr. Marlies Klamt

MarliesKlamt-Promotionsheldin

Dr. Marlies Klamt ist Promotionscoach und betreibt den Podcast „Glücklich promovieren. Der Podcast für Frauen mit Freude am Promovieren“. Vor ihrer Selbständigkeit war sie rund acht Jahre an der Universität in unterschiedlichen Positionen beschäftigt: als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Journalistischen Seminar an der Uni Mainz, als Projektkoordinatorin im Gleichstellungsbüro der Uni Frankfurt und als Vertretungsprofessorin für Journalismus II – Audiovisuelles Publizieren an der Uni Mainz.

Zur Website von Dr. Marlies Klamt: https://promotionsheldin.de.

Hier geht es direkt zum Podcast „Glücklich promovieren“.

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1 Kommentar
  • Doof ist halt, wenn man schon Persönlichkeit hat. Und irgendwann merkt, dass in anderen Tätigkeitsfeldern das Schreiben einer Pressemitteilung (0,5 – 3h Arbeit) mehr Leser erreicht als jede Publikation (0,5 bis 3 Monate Arbeit). Kurzum, ich hab’s dann irgendwann gelassen (naja, immerhin 8 Veröffentlichungen oder so). Als DoktorandIn lernt man nicht, sich Anerkennung zu besorgen, sondern schlicht ohne nennenswerte Anerkennung zu leben, oder man geht eben daran kaputt. Wenn Du Anerkennung besorgen willst, stell Dich mit einer Mundharmonika in die Fußgängerzone, da kriegst Du an zwei sonnigen Samstagen mehr davon, wie Du Dir als DoktorandIn im Jahr besorgen kannst. Oder alternativ wenigstens mehr Mitleid. Man muss sich echt nicht jeden Wahnsinn geben zum Zwecke irgend einer Entwicklung. Die Abbrecherquoten von geschätzt 60% (bei uns gab es keine genaue statistische Erfassung) sprechen für sich.

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